Sadismus

Vor wenigen Jahren sah ich im Begegnungshaus in Tenno eine Szene, die mich bis heute nicht loslässt, über die ich aber bisher noch nicht gesprochen habe. Ich sah damals einen Menschen, der größte Freude am Leid eines anderen Menschen empfand. Ich beobachtete damals ein Leuchten, eine Ekstase, von einer Art, wie ich es weder vorher noch nachher jemals an einem Menschen gesehen habe.

Jeder kennt das Leuchten in den Augen von jemandem, dem ein sehnsüchtiger Wunsch erfüllt wird, etwa bei einem Kind, das an Weihnachten sein heißersehntes Geschenk bekommt. Oder das Leuchten in den Augen, wenn man einen Berggipfel erfolgreich bestiegen hat, nach vielen Mühen. Es ist ein Licht der Freude an der Erfüllung eines Wunsches. Ich kenne es ebenso, dass Menschen strahlen, wenn sie Schönheit oder Harmonie beobachten: einen Sonnenuntergang, ein schönes Kunstwerk, einen eleganten Menschen, eine gelunge Handlung von einem Menschen. Der Mensch hat wohl eine innere Sehnsucht nach dem Schönen und Harmonischen und freut sich, wenn er so etwas miterleben kann. Was ich aber damals bei der genannten Szene beobachtete, war ein anderes Leuchten, es war das Gegenteil – die Freude an der Zerstörung eines Menschen.

Es war ein Sonntag, und nach einer Veranstaltung im obersten Stock stiegen die Menschen die Stiegen herab. Eine junge Frau stürzte und fiel auf den Rücken. Sie verletzte sich an der Wirbelsäule, und es war unklar, ob sie eine Lähmung haben würde. Viele versammelten sich um sie, um ihr zu helfen. Darunter war eine ältere Frau, die mir sehr unangenehm auffiel. Diese Frau betrachtete die Verletzte mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck. Sie leuchtete mehr und mehr, zunehmend mit den Schmerzschreien der Frau am Boden.

Ich sah die Gesichter aller anderen Zuschauer voller Angst und Sorge, die Verletzte selbst wurde immer blasser und fahler, die besagte Frau aber, schaute mit unbeweglicher Miene zu. Ihre Augen verrieten ihre Ekstase, sie waren ganz klar, hell und gierig. Um ihren Kopf, ihre Haare, ihre ganze Figur war es hell. Sie schien etwas lang Ersehntes zu erleben und mit vollen Zügen auszukosten: Es war Freude am Leiden eines anderen Menschen. Die Verletzte hätte eine lebenslange Behinderung davontragen können, was Gott sei dank nicht passierte. Aber mir ist heute klar, welches Licht ich damals bei Frau Bornschein gesehen habe: das sadistische Licht des Bösen, das sich an der Zerstörung freut.

Erst später erfuhr ich, dass Frau Bornschein Ärztin war und als Ärztin sogar Erste Hilfe hätte leisten müssen.

Barbara Holzer

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