Die Welt geimpft mit Selbstherrlichkeit

Über das Wirken der esoterischen „Meister“ Bhagwan Shree Rajneesh und Christine Bornschein

Begegnungen mit Christine Bornschein in Poona

Da ich mich in der Zeit von 1979 bis 83 auf einer langen Erkundungstour, hauptsächlich mit dem Fahrrad durch den indischen Subkontinent befand, ereignete es sich, dass ich zweieinhalb Jahre lang in Poona das Phänomen Bhagwan Shree Rajneesh studieren konnte. Im Sommer 1980 traf ich in dessen Ashram dreimal Christine Bornschein während ihres vierzehntägigen Besuches. Sie kam, wie auch ich ohne die Mala als Zeichen der Bhagwan-Initiation in den Ashram. Wir tauschten im dortigen Café unsere unterschiedlichen Sichtweisen zu diesem ganz und gar untypischen, modernen Guru aus. Erst mehr als 10 Jahre später kreuzten sich unsere Wege erneut, ich traf sie bei einem spirituellen Seminar in Österreich. Es folgte eine weiteres Kennenlernen und meine Frau und ich besuchten Sie daraufhin des öfteren in ihrer Villa in München.

Hinsichtlich meiner ersten langen Indienreise muss ich kurz vorausschicken, dass ich keinesfalls Interesse an Orten wie Goa, Agras Tadsch Mahal oder eben dem Rajneesh-Ashram in Poona hatte, da ich mich dem oft oberflächlichen, touristischen Leben mehr entziehen wollte. Das Schicksal aber durchkreuzte meine vagen Pläne. Ich dachte, auf dem Weg von Tamilnadu nach Ganeshpuri, wohin ich eingeladen worden war, doch noch in Poona mir ein Bild von dem Treiben um den im Westen von sich reden machenden Guru Bhagwan Rajneesh zu machen.

Während der Regenzeit des Jahres 1980, als Ausflüge mit dem Rad um Poona eher beschwerlich erschienen, hielt ich mich des öfteren im Café des Ashrams auf, um meine Beobachtungen an diesem sehr speziellen Ort zu vertiefen, wo alle möglichen Therapieformen der Humanistischen Psychologie aus den USA von Besuchern in Form von Workshops gebucht werden konnten. Eines Tages erregte eine deutsche, nicht mehr ganz junge Frau mit blondem, etwas gewelltem halblangem Haar mittleren Alters meine Aufmerksamkeit während sie sich in einem Gespräch mit einer anderen Frau in rotem Gewand befand. Sie selbst musste wohl um die vierzig Jahre alt gewesen sein.

Wegen des niederprasselnden Regens bekam ich von dem Gespräch der Damen, die am frühen Nachmittag drei Tische entfernt saßen, nichts mit. Überhaupt schien die Stimme dieser Frau eher leise artikulierend und nicht durch Gesten begleitet zu sein, wie ich es bei den Indern schätzte. Kurz nachdem die andere Frau weggegangen war, ging ich auf sie zu und fragte, ob sie Deutsche sei. Ich würde mich für die Workshop-Angebote interessieren. Sie schaute mich kurz an und lud mich ein, ihr gegenüber Platz zu nehmen. Ich holte meine Tasche herüber und setzte mich.

Sie interessierte sich offenbar wenig für mich, dem nicht in Rot, sondern in dem Weiß der indischen Männer Bekleideten. Sie sei vorgestern aus München angekommen, sei von Beruf Ärztin und sei vor einigen Wochen, durch eine Bekannte auf Bhagwan aufmerksam gemacht worden. Begeistert hatte ihr diese ein Buch Bhagwans überlassen, welches sie mit hatte.

Sie hätte das Buch nahezu verschlungen, weil dessen Gedanken für sie eine sehr spannende Offenbarung gewesen seien. Ihr Mann habe sich leider beruflich nicht freinehmen können, sie selbst wollte aber so schnell wie möglich diesen außergewöhnlichen Inder mit modernen Ansichten treffen. Dann erzählte sie davon, wie Bhagwan damit richtig liege, nicht wie Mahatma Gandhi die Armut zu preisen, sondern, dass Indien Geburtenkontrolle, eine gut funktionierende Wirtschaft sowie den Mittelstand in den großen Städten wie Bombay und Poona brauche. Er sehe die Brahmanische Religion als Hemmklotz für jegliche Weiterentwickung. Das von Ritualen durchzogene Alltagsleben auf den Dörfern sei längst überfällig und die Inder seien sexuell verklemmt. Nur durch Schocks könne die indische Gesellschaft aufwachen aus ihrem schläfrigen, fatalistischen Dämmerdasein. Sie belehrte mich, dass wirkliche Spirituaität mit Freude zu tun habe müsse, daran könne man sie erkennen, und zitierte einige Sätze, die sie wohl sehr angesprochen hatten wie: „Sex is fun.“ „There is nothing serious about it“. Es gehe niemanden etwas an, wenn zwei sich gegenseitig mit dieser göttlichen Energie aufladen.

Nur durch Offenheit gegenüber dem Sex könne man sich vom Sex befreien und zu einem kosmischen Bewusstsein gelangen. Sie erwähnte die Alchemie der wahren Religion, die über der falsch verstandenen, zum Dogma gewordenen alten Praxis durch das Treten in den Zeugenstand gegenüber der alltäglichen Geschehnisse sichtbar wird. Alle Menschen seien bereits göttlich, nur wisse es niemand. Man solle versuchen, immer in diesem Zeugenstand zu bleiben. Das gelinge, wenn man nichts bewerte und auch nichts sogleich verstehen wolle. Denn dadurch fiele man aus diesem alles umfassenden Bewusstsein heraus.

Mich schien sie als Gesprächspartner kaum wahrzunehmen, schaute mich fast nicht an, aber steigerte sich immer mehr in die Gedanken Bhagwans über dessen Erleuchtungserlebnis im Alter von 21 Jahren hinein. Ein und eine halbe Stunde hatten wir uns nun gegenüber gesessen. Sie hatte geredet wie zu einem, den sie schon lange kennt. Zweimal hatten wir je ein Glas Lassi bestellt und während der Zeit mit dem Strohhalm nach und nach das Buttermilch-Getränk in den Mund gesogen. Nach dem getrennten Bezahlen sagte ich noch: Vielleicht sieht man sich ja noch einmal. Wie lange sie denn bleibe? Noch zwölf Tage war ihre Antwort.

Auf der viertelstündigen Fahrt über die lange Brücke nach Yervada, einem Dorf auf der anderen Seite des Mula-Mutha-Flusses, wo ich wohnte, ließ ich das Gespräch noch etwas auf mich einwirken. Ich wunderte mich über mich selbst, da mein damaliges stark angewachsenes Selbstbewusstsein allein unter Indern jetzt wie weggeblasen war. Auf der Fahrt der Küste entlang hatte ich mich bei allen Begegnungen in Chai-shops, bei Fahrradreparateuren am Straßenrand, in Ashrams verschiedenster Art, in bedeutenden alten Tempeln, in Kleidergeschäften usw. wie ein begnadeter und kreativer Schauspieler gefühlt. Die offenen Gesichter der Inder hatten mich dazu eingeladen, das Leben ebenfalls als ein farbenfrohes Spiel zu nehmen. Nun aber fühlte ich mich wie in die deutsche Therapie- und Studentenszene zurückversetzt, der ich glücklicherweise entronnen war. Es war eine eigenartige, schwärmerisch-drängende Stimmung, die sie mit der Wiedergabe des Angelesenen aus Bhagwans Buch erzeugt hatte.

Drei Tage später, wieder regnete es fast ununterbrochen, traf ich sie ein weiteres Mal nachmittags im Café des Ashrams, von dem man durch die großen Scheiben und Glaswände auf den niederprasselnden Regen von den Palmen und Sträuchern im Garten schauen konnte. Diesmal setzte sie sich zu mir als dem neuen Bekannten an den Tisch und begann gleich von der Encountergruppe zu erzählen, an der sie gerade teilgenommen hatte. Es seien in dem Raum ungefähr 30 Teilnehmer gewesen. Ein amerikanischer Therapeut habe die Leitung gehabt und einzelne Personen hätten von einem Erlebnis berichtet, dass sie gequält und nicht verdaut hatten. Der Therapeut hätte die Berichtenden noch weiter in das jeweilige problematische Geschehen hinein geführt, während die anderen mitfühlend zuhörten. Eine Ma, eine weibliche Bhagwan-Initiierte, sei ziemlich in Wut über sich selbst geraten, habe zu schreien begonnen. Eine andere Ma hätte begonnen, sie zu trösten und in den Arm zu nehmen, während ein Swami, ein männlicher Neo-Sannyasin, ebenfalls hinzu kam und anfing, ihr über die Schulter zu streichen. Aus dieser Situation hätte ein allgemeines Austauschen von Zärtlichkeiten begonnen, das sich intensivierte. Einige Teilnehmer hätten nach und nach Hemd oder Hose abgelegt, um intensiver die Haut eines anderen Teilnehmers zu spüren. Manche hätten sich nach einiger Zeit auch einer anderen Person zugewandt. Sie selbst fand diese neue Gemeinschaftserfahrung von gegenseitigem Energiezuführen phänomenal und hatte sich vorgenommen, am nächsten Tag gleich wieder an dieser Gruppe teilzunehmen.

Ich hatte mir nach der ersten Begegnung ebenfalls etwas vorgenommen, und zwar, falls ich die Frau nochmals treffen sollte, dass ich meinen kritischen Standpunkt gegenüber dieser Herangehensweise an Meditation ihr gegenüber nicht verbergen wollte. So berichtete ich von meinen eigenen Encountererlebnissen gegen Ende meines Studiums in einer Wohngemeinsschaftskommune bei Marburg an der Lahn, bei denen es ebenfalls um die Befreiung von überkommenen familiären Strukturen, anhaftenden Bindungen wie z.B. die Eifersucht ging und die aber eine stark politische Komponente hatten.

Mich reizte damals, nachdem ich mich gerade von den sehr restriktiven Banden der katholischen Kirche befreit hatte, vor allem alles Ungewohnte, alles nicht in der gesellschaftlichen Norm Verankerte. Universitäres „Schwafeln“ und „Klug-Daherreden“ war damals verpönt

Ich erzählte der nur schwer zum Zuhören zu bewegenden Frau noch, dass ich gleich bei dem ersten Betreten des Rajneesh-Ashrams einen ehemaligen Mitkommunarden traf, der nun statt der damals üblichen Glatze wallendes Haar und einen langen Bart trug. Die Latzhose hatte die Farbe gewechselt. Er war so nett, dem seit einiger Zeit Geldlosen die nötigen fünf Dollar für den Darshan des Erhabenen zu geben.

Als ich den Bericht beendet hatte, begann sie, Bhagwan als denjenigen, der die Leitlinien für ein spirituelles Leben in Luxus und Wohlstand, im „Hier und Jetzt“ gesetzt habe, zu preisen. Dessen revolutionären Gedanken würden sich schon bald verwirklichen. Man brauche nur gut hinschauen, denn Bhagwans Antlitz offenbare seinen allen anderen Menschen überragenden erleuchteten Bewusstseinszustand. Ich dagegen sah das ganz anders. Zu was benötige er die verschiedenen Kopfbedeckungen, passend zu den seidenen Festgewändern? Um zu imponieren und sich in Szene zu setzen, diese Bewegung zum Erfolg zu führen. So konterte ich. Dabei verzog sich fast unmerklich ihr wie unbeteiligtes Gesicht ein wenig.

Dann sprach ich von der Begegnung mit einer Gesellschaft, von der ich im weitläufigen Tempel von Madurai, Tamilnadu, zu Anfang der Reise erfuhr. Die „Divine Live Society“ hatte dort eine Zweigstelle. Dessen Gründer, der Arzt und völlig unorthodoxe Mönch, der geistige Lehrer Swami Sivananda hatte für mich ein sehr anziehendes, andere befeuerndes Antlitz unter der stets kahlgeschorenen Kuppel seines Hauptes. In einem seiner autobiografischen Kurzbriefe von 1946 hatte er sich als der „König aller Könige“ bezeichnet, der die weltlichen Könige bemitleide. Er hatte meines Erachtens die volle Berechtigung dieses Eigenlobes, weil er, dessen war ich ziemlich sicher, den Christus im Herzen trug. Er, selbst Hindu von Geburt, doch in christlichen Missionsschulen aufgewachsen, hatte seinen zumeist indischen Schülern Jesu Bergpredigt als Meditationslektüre empfohlen und die Bescheidenheit gegenüber seinen Mitmenschen gelebt. So hatte er während seiner fünfzehn Jahre der Selbstreinigung bei Rishikesh am Ganges zuweilen die Hütten anderer Wandermönche aufgeräumt, während diese unterwegs waren und er nur die Visitenkarte des Ordnung-gemacht-Habens hinterlassen. Später, nachdem er sicher wusste, in Verantwortung einen Ashram zu führen, hielt er auf Vortragsreisen immer wieder lange Reden, ohne einen speziellen Sessel dafür in Anspruch zu nehmen, wie es bei Bhagwan der Fall war.

Der Gegenübersitzenden sagte ich, wie es mich entsetzte, was letzterer über den Christus einmal in der Buddha-Halle des Ashrams gesagt hatte: „Selbst Menschen wie Jesus sind noch ein wenig neurotisch.“ Sie aber verteidigte den Guru und entgegnete in etwa: Man kann den Jesus Christus auch zu sehr vergöttern, das wäre sicher nicht gut.

Ich erwähnte daraufhin meine zwei Wochen als Gast in der Theosophischen Gesellschaft, die in Adyar bei Madras ihr Hauptquartier in einem großen parkartigen Gelände gleich hinter dem Strand hat. Ihre große Zeit war seit langem vorüber. In deren alten Bibliothek las ich zum ersten Mal Ausführungen von Rudolf Steiner hinsichtlich eines theosophischen Planes, der ihn um 1911 sehr erzürnt hatte und letztlich zur Trennung von Theosophie und Anthroposophie geführt hatte. Ob sie von diesem außerordentlich bewanderten Lehrer, auf allen möglichen Lebensgebieten unermüdlich forschend, schon gehört habe? Sie bejahte dies, ohne jedoch weiteres Interesse zu bekunden.

Nachsinnend fuhr ich nach Yervada hinüber, meiner neuen Heimat bei dem Sufi-Schrein, zu den drei Familien nahe dem Flussufer sowie zu einem Radrennfahrer, der sich unter dem Dach des Boothauses des Deccan College einen Wohnraum eingerichtete hatte. Dieser hatte mich angesprochen und gesagt, es sei gefährlich direkt im Freien unter einem Baum am Fluss zu übernachten.

Nach diesem Gespräch war ich zufriedener mit mir selbst. Die generelle leichte indische Sphäre hatte nach dem Gespräch diesmal die Oberhand gehabt. Mir war auch aufgefallen, dass die Nagelbetten an den Füßen dieser Frau – wir hatten uns noch nicht gegenseitig vorgestellt – alle sehr unansehnlich und blind waren. Ganz natürlich waren die Füße den Indern ein Bild für den inneren Zustand des Menschen. Es käme über die Füße anstatt Licht nur Dunkles in den Menschen hinein. Die Verehrung der Füße hielten die Inder immer für sehr bedeutsam. Ich sah oft, wie Personen Familienoberhäupter begrüßen, indem sie sich der Länge nach auf den Boden legten und mit den drei mittleren Fingern beider Hände die Fußrücken des zu Begrüßenden berührten. Bei lebenden Erleuchteten wurde bisweilen die Zeremonie eines pada-puja (Fußritual) ausgeführt.

Wieder drei Tage später fuhr ich nach der Morgenbesinnung auf einem Hügel bei Yervada – es regnete an dem Tag nicht – um halb acht Uhr zum Ashram hinüber. Mich interessierte der Ablauf einer „Lecture“ von Bhagwan, wie ein solches Ereignis vonstatten ging und wie viele Besucher kamen. Als ich durch das Tor trat, waren die Wärter etwas angespannt und ich hörte, dass sie zu einigen ankommenden Swamis sagten, der Vortrag müsse ausfallen, da Bhagwan heute nicht kommen könne. Nicht weit vom Café und dem angrenzenden Restaurant befand sich die Tür zum Office und den weiteren Räumen der Verwaltung. Dort sah ich einige Ma’s, die von dort gekommen waren und scheinbar leitende Funktion hatten. Ma Yoga Lakshmi war dabei, seit zehn Jahren Bhagwans Sekretärin und Tochter einer sehr begüterten und politisch einflussreichen Jain-Familie. Sie und Bhagwan waren ein eingespieltes Team und ergänzten sich gegenseitig, wenn irgendwelche Probleme oder Anfeindungen gegenüber der Foundation erfolgten.

Eine andere Ma, die dabeistand, war die Engländerin Vivek, die sich ebenfalls stets ganz in der Nähe Bhagwans aufhielt. Auch Ma Anand Sheela stand dabei, die 1981 den Sekretärsposten von Yoga Laksmi übernahm. Und bei ihnen – ich dachte, ich sehe nicht richtig – stand auch meine zweimalige Gesprächspartnerin. Sie schien in dieser Runde bereits sehr vertraut zu sein und redete auf die anderen ein. Es war das erste Mal seit ich nach Poona kam, dass Baghwan zu einer Lecture nicht kam. In ihrer Beratung untereinander ging es offensichtlich darum, wer nun auf das Podium der Buddha-Halle gehen solle, um anzukündigen, dass Bhagwan diesmal nicht kommen könne und was der Grund dafür sei. Schließlich war es Ma Yoga Laksmi, die in die Buddha-Hall hinüberging und den circa vierhundert Versammelten mitteilte, dass Bhagwan Rückenschmerzen habe und im Bett bleiben müsse.
Die Menge der Sannyasins und Besucher zwischen dem Tor, dem Café und der großen, an den Seiten offenen Halle zerstreute sich nach ein paar Minuten, viele setzten sich ins Café und stärkten sich, Andere gingen zu ihren Unterkünften zurück. Eine auffallend Große Menge an Personen versammelten sich aber um die Deutsche, die nun, wie ich selbst mitbekam, Auskunft über Bhagwan und die Angriffe auf seine Gesundheit gab. Sie brachte seine Rückenbeschwerden mit der zu geringen Devotion der Sanyasins in Verbindung, was zu zahlrechen Diskussionen führte. Ich fuhr nun hinüber auf die andere Seite der Stadt, nach Sivajinagar, wo der auch im Westen bekannte Yogameister BKS Iyengar seine Schule hatte. Ich war gespannt darauf wie sich die Dinge weiter entwickeln würden und an diesem Tag regnete es nicht.

Zwei Tage später kam es nochmals zu einem kürzeren Gespräch zwischen dieser Deutschen und mir, als wir uns am Ausgang des Cafés begegneten. Ich fragte, ob sie Neues über Bhagwans Gesundheitszustand wisse. Daraufhin sagte sie, es ginge ihm etwas besser. Sie hätte der Leitung der Foundation ihre Hilfe angeboten und während eines Gesprächs an jenem Morgen diese unterstützt.
Der Leibarzt Dr. John Andrews, Amrito genannt, hätte keine Bedenken über das Auftreten Bhagwans gehabt, was den Frauen aber sehr missfallen habe. Sie selbst habe sogar längeren und – wie sie es nannte – sehr vertraulichen Kontakt mit ihm gehabt, bei dem sie dem Meister abschließend versprochen habe, sich für die Verbreitung der von ihm entwickelten Methode der Dynamischen Meditation einzusetzen. Mir gegenüber vertrat sie daraufhin den Standpunkt, dass die Frauen schon von Natur aus, mehr zur Spiritualität disponiert seien.

Mich wunderte so eine feministisch klingende Haltung damals und mir wurde klarer, dass tatsächlich fast nur Frauen sich in Bhagwans direkter Umgebung aufhielten. In der Kommune in Lahn waren es hauptsächlich Männer. Ich sah diese Zukunftsperspektive, wo Männer eher an den Rand gedrängt wurden und eine beständige Konkurrenzsituation im Hintergrund wirkte, eher als in die falsche Richtung gehend an. Dennoch gefiel mir einiges an Bhagwans neuer Philosophie, wie zum Beispiel die strikte Ablehnung jeglicher kirchlicher Organisation. Als ich meine Zweifel an den feministischen Gedanken aussprach, war ich für sie kein Gesprächspartner mehr. Wir verließen das Cafè in verschiedenen Richtungen und sahen uns in Poona nicht mehr.

Ich hatte daraufhin auf dem Weg nach Yervada und die folgenden Stunden im Schutz des Moslemschreines nochmals tiefer über die Dynamische Meditation nachgedacht und erwogen, um was es eigentlich dabei ginge. Diese Methode, so Rajneesh, sei für heutige Menschen geschaffen worden, die außen-, erlebnis- und aktionsorientiert seien. Im Ashram wurde sie gleich morgens früh nach dem Aufstehen um 6 Uhr praktiziert. Sie besteht aus vier Phasen und dauert ungefähr eine Stunde. Durch hastiges tiefes Einatmen (und damit durch eine sehr schnelle Sauerstoff-Aufnahme) gelange der Praktizierende durch Begleitung von lauter Trommelmusik zu einer Katharsis, was ja eigentlich in Richtung des unbewussten subjektiven Innenlebens geht, in das alles Vergangene eingeschrieben ist.

Alte Eindrücke treten in Form von merkwürdigen Zuckungen und Bewegungen aus dem Affekt nach außen. Sie stehen mit charakteristischen Gebärden, Leidensausdrücken oder Schreianfällen sowie mit eventuellen Wutausbrüchen in Verbindung. Eine zweite Phase des Hüpfens, Springens und Sich-im Kreise-Drehens schließt sich an. Diese gilt als eine Art Energieaufladung. Darauf folgt eine Stille, zumeist in einer irgendwie liegenden Position.

Viele haben sich durch die vorherige Aktivität ziemlich verausgabt und lassen in der eingenommenen Position den Atem erst einmal zur Ruhe kommen. Bhagwan wies immer wieder darauf hin, wie wichtig es sei, dass der „Zeugenstand“ über das eigene Wesen immer mehr hervorkommen könne. Und aus diesem Betrachten der eigenen Person beginne ein individuelles Ausdrücken von Gefühlen, dies in Form von tanzartigen Bewegungen. Es sei eine Manifestation des göttlichen Zustandes, in dem jeder sich schon befände. Nur wüssten die meisten Menschen nichts von dieser Glückseligkeit, ananda.
Ich denke heute, dass diese körperlich-psychische Aktivität, die sich Meditation nennt, einen Widerspruch in sich darstellt, denn eine innere Ordnung und ein konzentrativer seelischer Aufbau wird wohl auf diese Weise nicht stattfinden. Ich bin sogar zu der Auffassung gelangt, dass durch den esoterischen Aufbruch, wie es die Neo-Sannyas-Bewegung darstellt, künstlich eine Schein-Spiritualität ins Leben gerufen wird. Nicht der Mensch dient dem Göttlichen mehr, sondern er selbst erhebt sich zu Unrecht über das eigentlich göttliche Sein. Diese Entwicklungstendenz sehe ich auf einer weltlichen Ebene im Zusammenhang mit eigenmächtigen Finanz- und Wirtschafts-Interessen. Aus diesen eigennützigen Beweggründen heraus wird so manches geplant und ausgeführt wie zum Beispiel das Geo-Engeneering, die menschengemachte Wolken- und Wetterbildung. Solche Menschen und Forscher scheuen sich nicht, Gene an Pflanzen, Tieren und Menschen zu manipulieren und eine seit langem bewährte Ordnung in Chaos zu befördern.

Die Dynamische Meditation führt meines Erachtens zum Hervorholen angestauter, zumeist unverarbeiteter Erlebnisse und Gefühle. Sie holt aus unbewussten Schichten alte Erinnerungen an die Oberfläche und verursacht ein großes psychisches Durcheinander. Die Praktizierenden bekommen statt Klarheit Schwierigkeiten, sich weiterhin zu orientieren. Ausübende werden die Hilfe von Therapeuten suchen müssen, die ja dort im Ashram auf neue Klienten warteten. So standen im Vordergrund die Probleme des veräußerlichten Iches anstatt Meditation.

Der Gang Bhagwans nach Amerika

Bhagwan hatte sich im Laufe seines Lebens eine geniale Rhetorik angeeignet, die in seiner nahezu unübertrefflichen Art kaum zu widerlegen war. Er sprach von einer „religionslosen Religion“, die durch ihn geboren werde und sah sich als der wiedergekehrte Buddha. Inzwischen war das weltweite Bhagwan-Fieber noch höher gestiegen und der Ashram erlebte immer neue Besucher-Rekorde. Rajneesh hatte am 1. April 1981 zu schweigen begonnen, als beständig 5000 Neo-Sannyasins, hauptsächlich aus Mitteleuropa und Nordamerika auf den breiten Alleen des Villenviertels flanierten. Es hatten einige der berühmten Filmschauspieler aus „Bollywood“ „Sannyas genommen“, wie man sich in diesen Kreisen ausdrückte. Man hörte Gerüchte um einen Umzug des Ashrams ins 30 km entfernte Saswad, wo Brunnen von Anwohnern aus Protest gegen diese von sich Reden machende Bewegung durch Ortsbewohner vergiftet worden waren. Immer öfter erschien die Polizei im Koregaon Park, um Drogenhändler festzunehmen.

Es machte auch die Runde, dass Bhagwans Bandscheiben ihn nun des öfteren plagten, auch die erhöhte Anfälligkeit für Allergien sowie dessen Verschlimmerung der bestehenden Zuckerkrankheit wurden erwähnt. Man sprach vom Sekretärinnenwechsel: Ma Anand Sheela hatte Yoga Laksmis Posten übernommen. Sie war wohl nach jahrelangem Vierzehnstundentag am Ende ihrer physischen Belastung angekommen. Ma Anand Sheela kam ebenfalls aus einem reichen Haus in Gujarat, dem nördlichen Nachbarstaat Maharashtras. Sie entschied wohl letztlich, dass Bhagwans Körper in Amerika besser behandelt werden könne.

Am ersten Juni munkelte man, dass Bhagwan und eine kleine Gruppe Indien verlassen habe, was sich kurz darauf bestätigte. Die Sannyasins waren verblüfft: der Meister war abgereist. Die meisten verließen Indien, da sie in Poona nichts mehr verloren hatten. Manche machten sich schon bald auf nach Oregon, USA, wo Ma Anand Sheela für die Community die „Old Muddy Ranch“ erworben hatte. Darauf sollte „Rajneeshpuram“ entstehen, eine Stadt des Friedens und der Freiheit. Binnen zwei Wochen wurde der Ashram im Koregaon Park 33 geschlossen und jene Swamis, die noch längere Zeit zum Abschiednehmen von Poona brauchten, trafen sich in einem angrenzenden Hotel, wo bald ein Chai-Shop im Garten eröffnet wurde. Die ersten Bilder von der nun sehr in Umwandlung begriffenen Ranch erreichten Poona. Schon bald, ab August 1981, gab es den täglichen „Drive by“ des Bhagwan in einem der Rollce Royces. In ekstatischer Stimmung und unter lauter Musik aus den Lautsprechern wurde der Erhabene in der neuen Welt von der Schülerschaft gefeiert. Er selbst sprach später darüber, wie sehr es ihn Überwindung gekostet habe, überhaupt dorthin zu fliegen, denn hinter der Fassade von Demokratie und Freiheit verberge sich ein faschistisches System, was ihn und sein Gedankengut hasste.
Meine spätere Frau war auf ihrer Amerikareise bei diesem neuen Darshan-Programm, dem täglichen „Drive by“ in einem der großen Rollce Royce-Flotte einmal zugegen, da sie herausfinden wollte, was sie mit diesem Guru zu tun habe. Denn sie hatte zuvor einen seltsamen Traum gehabt, in dem sie sich wehren musste, vergewaltigt zu werden, zuerst gegenüber dem Dorfpfarrer, der sie bei den Beichtgesprächen immer wieder ausgefragt hatte bezüglich unkeuscher Gedanken und selbst seine Haushälterin geschwängert hatte, dann gegenüber dem Guru Rajneesh.

Sie selbst hatte in dieser Zeit bei einer dem Buddhismus zugeneigten Lehrerkollegin ein paarmal in deren Meditationsraum im Keller an Übungen aus den Methoden des Baghwan teilgenommen. Auch sie hatte, als sie nach Rajneeshpuram kam, einen Bekannten ihrer Stadt aus der Sannyas-Bewegung getroffen, der sich vor Vergnügen auf die Oberschenkel schlug als er sie kommen sah und lachte und lachte. Aus den Lautsprechern ertönte das Lied: Master of Masters. Er wunderte sich zu sehr, sie hier zu treffen, die doch immer Zweifel an der Sache hatte.

Als nun dieser Bhagwan den Rollce Royce vor ihr stoppte, um ihre Rose in Empfang zu nehmen, schaute sie ihm in die Augen und wusste, dass dieser Guru vielleicht der Lehrer aller Lehrer für andere sein mochte. Sie wusste jedenfalls, dass er der ihrige nicht war. Mit ihm wollte sie nichts zu tun haben.
Für mich war es die Zeit, als viele rückreisende Swamis mir Dinge übergaben, die sie nicht mehr brauchten. So wurde ich Straßenverkäufer in der Nähe des ehemaligen Ashrams. Daneben aber begann ich, nun näher dieses Phänomen Rajneesh zu studieren und las über dessen bisherigen Lebensweg. Ich hatte mich immer wieder gefragt, was eigentlich die Wurzeln seines Weges und seiner großen öffentlichen Wirksamkeit waren. Ich besorgte mir nun Literatur über diese Persönlichkeit und dachte mich in seinen Werdegang hinein.

Bhagwans Werdegang

Er selbst sprach von den ersten sieben Jahren als der grundlegenden, wichtigsten Lebensepoche. Rajneesh wurde 1931 in einem Dorf Madhya Pradeshs in Mittelindien als erster Sohn von elf Kindern eines Tuchhändlers geboren. Er hieß eigentlich Mohan Chandra Jain und wurde von den Großeltern erzogen, die ihn „Kleiner König“ nannten, eben Rajneesh. Der Wortstamm „Raja“ bedeutet soviel wie „Herrscher“. In der Tat war er mit sehr schneller Auffassungsgabe und und großer Intelligenz ausgestattet, aber seine Lehrer mochten den Schulschwänzer nicht, der durch makabre Streiche immer wieder auffiel. Nach dem einschneidenden Erlebnis des Todes der geliebten Kusine im Alter von fünfzehn Jahren durch Thyphus versank er in eine tiefe Depression, die sich über einige Jahre ausdehnte. Er versuchte diese mit langen Dauerläufen zu überwinden. Die Kusine hatte auf dem Sterbebett gesagt, sie werde bald wieder bei ihm sein. Sie sollte dann als die Engländerin Vivek wiedergeboren worden sein, die ab 1971 immer in der Nähe Bhagwans anzutreffen war.

Mit achtzehn Jahren löste Chandra Mohan sich von der Jain Religion und bezeichnete sich für die nächsten Jahre als Atheist. Er wurde in zwei Freiheitsbewegungen aktiv, liebäugelte mit dem Kommunismus, als er das Philosophiestudium in Jabalpur aufnahm. Mit 21 Jahren hatte er dort in einer Vollmondnacht in einem Park ein von ihm als Erleuchtungserlebnis interpretiertes Glückseligkeitsgefühl erfahren, das später im Ashram jährlich groß gefeiert wurde. Chandra Mohan stand bei den Kommilitonen unter dem Ruf eines aufrührerischen Rebellen. Sein Professor riet dem jungen Philosophiedozenten, zu einem anderen College zu wechseln, da er dessen zersetzendes Wesen für die Charakterbildung der Schüler nicht verantworten wolle. Der hochbelesene, schlaue Überflieger und redegewandte Student schloss mit einem Master Degree das Studium ab.

In den 60’er Jahren hielt der „Acharia“ Rajneesh, zu deutsch „Lehrer“, in ganz Indien viele Vorträge, in denen er die prüde Lebensweise der Brahmanen kritisierte. Er kannte viele einflussreiche Herausgeber von indischen Monatsmagazinen, die ihm Raum für Artikel gaben. 1971, als sein Appartment in Bombay für die vielen Besucher zu klein wurde, fand Ma Yoga Laksmi, die erste von ihm eingeweihte Sannyasin, und die Tochter eines griechischen Reeders ein Grundstück am Rand der Garnisons- und Industriestadt Poona auf dem Hochplateau des Deccan, 250 Kilometer von der Metropole entfernt, für den nun schnell sich entwickelnden Ashram. Er selbst wechselte den Titel: Aus Acharia wurde „Bhagwan“, der „Erhabene“. Die damalige Bevölkerung sowie religiöse Würdenträger entsetzten sich gegenüber dieser Selbsterhebung eines notorischen Besserwissers, wie viele Intellektuelle Indiens ihn damals beurteilten.

Den schon bald aus aller Welt nach Poona einsetzenden Strom von Neo-Sannyasins aber gefiel dieses Anderssein mit dem Flair der Vergabe eines tugendvollen Sanskritnamens und dem Rückgriff auf alte Yogatraditionen. Bhagwan war wohl der erste Mensch, der es fertigbrachte, dass die von ihm „Initiierten“ dessen Portrait im Medaillon als Zentrum eines Rosenkranzes vor dem Herzen trugen. Für sie war er das Non plus Ultra, der unfehlbare neue Buddha. Was für ihn zählte, waren keine Ideale für die Zukunft, sondern das Leben im „Zustand des immerwährenden Zeugen“, wovon die altindische Lehre der Nicht-Zweiheit, der a-dvaita des Vedanta der goldenen Vorzeit berichtet. Mir scheint dies ein rückwärts gewandter illusionärer Weg zu einem künstlichen Nirwana zu sein.

Über die Farbe Rot der Sannyasin-Kleidung machte ich mir während dieser Jahre ebenfalls immer wieder Gedanken. Die ersten Sannyasins trugen lange goldockerne Tunikas wie buddhistische Mönche Thailands oder Sri Lankas. Mit den Jahren aber wurde die Farbe dunkler, rötlicher bis hin zum stumpfen Rotbraun. Wer sich ganz in Rot hüllt, will gesehen werden und in einer Gruppe fühlt man sich stark. Die Farbe Rot steht auch für die körperliche Liebe, für die begehrenden Kräfte des wallenden Blutes. Dokumentationen wie der Film „Ashram“, der in Indien übrigens damals verboten war, belegen, mit welcher Brutalität manche Sannyasins ihre Sexualität auslebten.

Nach dem plötzlichen Ende von Poona I zentrierte sich das entstehende Stadtleben der Swamis und Ma’s auf die Arbeit als „Seva“, dem unentgeltlichen Dienst für Bhagwans Anliegen. Dieser schwieg dreieinhalb Jahre öffentlich, während sich einiges an Ungereimtheiten, kriminellen Handlungen von Seiten Anand Sheelas und ihrer Führungsriege im Geheimen ereignete. In diesem Geheimzirkel vermutete ich auch, dass die deutsche Ärztin aus der Ferne ihre Hand im Spiel hatte, wie sie es im letzten Gespräch mir gegenüber angesprochen hatte. Anand Sheela hatte sich nicht gescheut, das gesamte Telefonnetz der schnell wachsenden Stadt zu verwanzen, das Telefon Bhagwans eingeschlossen. Sie ging auch so weit, viele Obdachlose aus Großstädten herzubringen, um mit ihrer Hilfe die Regionalwahlen zu gewinnen. Am Tag davor jedoch hatten einige ihrer Untergebenen das Essen in Restaurants der Rajneeshpuram umgebenden Orte mit Salmonellen vergiftet, 2000 Menschen wurden krank, die Wahl wurde storniert und die Obdachlosen wieder an den Rändern großer Städte abgesetzt. Anand Sheela scheute auch nicht davor zurück, ihren Konkurrenten in der Gunst Bhagwans, dessen Leibarzt zu vergiften, was allerdings misslang. Sie musste letztlich in den Schwarzwald fliehen, wo sie aufgrund eines Auslieferungsantrages der USA wegen Mordversuches und anderer schwierwiegender Delikte verhaftet wurde.

Bhagwan brach, selbst entsetzt über diesen Führungsmissbrauch, aber auch alle Schuld von sich weisend, das Schweigen. Er habe Anand Sheela nicht inthronisiert, Rajneeshpuram zu leiten. Es habe sich da etwas verselbstständigt. Er selbst stieg mit Amrito sowie zwei weiteren Swamis in ein Flugzeug nach Nord-Dakota, wo ihnen nach der Ankunft wie Terroristen Handschellen angelegt wurden und sie vierzehn Tage in Haft blieben. So konnte die Polizei und Justiz das Problem Rajneeshpuram ohne großen Einsatz beenden, wovor sie sich gefürchtet hatten, denn die Rajneeshis hatten ebenfalls eine schlagkräftige Truppe zusammengestelllt. Rajneesh selbst gab der Polizei das Versprechen, nie wieder in die USA kommen zu wollen. Eine Geisterstadt blieb zurück und für ihn begann eine zweijährige erfolglose Suche in verschiedenen Ländern nach einer neuen Bleibe.

Der Guru schien 1988, als er nach Indien zurückgekehrt war, etwas kleinlauter geworden zu sein. Poona II war statt eines Ashrams nun ein „International Meditation Resort“ geworden. Jahr für Jahr stiegen die Besucherzahlen und man baute zusätzliche luxuriöse Räumlichkeiten. Bhagwan, dessen Gesundheit ziemlich gelitten hatte, sprach nun fast ausschliesslich über Themen aus dem Zen-Buddhismus. Man sah im Zentrum inzwischen auch Besucher in schwarzen Roben, was in Indien eine sehr ungebräuchliche Farbe darstellt. Diese Nicht-Farbe absorbiert das Licht, strahlt nicht nach außen. Die Mala als Erkennungszeichen der Nachfolgeschaft hatte ausgedient. Es war die Zeit, als der zurückgekehrte Guru seine Besucher und Schüler aufgefordert hatte, ihn nicht mehr „Bhagwan“ zu nennen. „The game is over. Enough is enough.“ Er musste zugeben, dass er seine Schüler jahrelang an der Nase herum geführt hatte. Etwas später schlug jemand ihm den Namen „Osho“ vor, den er akzeptierte.

Dieser Begriff bedeutet „Mönch“ und ist ein Ehrenname des erleuchteten Boddhidharma im japanischen Buddhismus. Im Frühjahr 1989 hielt Osho die letzte Lecture, zeigte sich danach nur manchmal, bei gebrochener Gesundheit den Besuchern. Gegen Ende des Jahres 1989 verstarb seine seit 1971 stete Begleiterin Vivek. Die eigentlich als lebenslustige Frau angesehene Person habe Hand an sich gelegt, wie die offizielle Aussage der Foundation lautete. Unerwarteterweise kurz darauf starb auch Osho im Alter von 58 Jahren. Er selbst behauptete noch zu Lebzeiten, in Amerika vergiftet worden zu sein. Manche meinen, dass sowohl dieser als auch Vivek von einem geheimen Zirkel innerhalb der Foundation vergiftet worden seien.

Wiederbegegnung in Österreich

In diesem Zusammenhang soll noch einmal das Augenmerk auf meine damalige Gesprächspartnerin von Poona I gerichtet werden. Ich traute meinen Augen nicht recht, als ich diese gleiche Frau nun bei einem spirituelle Seminar in Österreich mehr als 10 Jahre später nun zusammen mit ihrem Mann wiederbegegnete. Es war Christine Bornschein. Sie vermied es aber, von unseren damaligen Gesprächen zu reden. Stattdessen pries sie nun Sathya Sai Baba, bezeichnete sich als seine Schülerin. Merkwürdigerweise verdrängte auch ich weitgehend meine damaligen Erinnerungen und Einschätzung ihr gegenüber und freundete mich näher mit ihr an. Meine Frau und ich trafen nun sie und ihren Mann des öfteren in Tirol sowie in ihrer Münchener Villa, wo wir sogar manchmal übernachteten.

Sie erschien immer noch spirituell außerordentlich engagiert. Versuchte verschiedene spirituelle Projekte hochzuziehen. Sie erzählt von einem großen Projekt in München Trudering mit dem Amunhaus als spirituelles Zentrum, welches durch den Neid der Sai Baba Leute scheiterte. Sie etablierte gerade Yogakurse, führte in ihrem Amunhaus Encountergruppen mit den Teilnehmern dieser Kurse. Als sie die Idee verfolgte, eine neu zu begründenden Zeitschrift zu etablieren, sah sie mich sogleich für den Posten des zukünftigen Chefredakteurs vor.

Durch meine weitere Beschäftigung mit vornehmlich anthroposophischer Literatur, verlor ich aber zunehmend das Interesse an diesen Selbsterfahrungsgruppen, die ich mehr als Ausdruck einer damals vielleicht notwendigen und auch sinnvollen Aufbruchbewegung der 60er und 70er ansah, denn als wirkliche Möglichkeit zur spirituellen Vertiefung. Unsere Wege trennten sich von daher zunehmend.
Es wunderte mich deshalb auch nicht, als ich dann auf der Internetseite von Frau Bornschein folgende Zeilen las:

„Anfang der 80’er Jahre suchte ich Osho auf, den großen Guru der damaligen Zeit, und weihte mich ihm sogleich vollständig. So wurde auch er von meinem Leben und Wirken nachhaltig berührt. Seine Lehre war noch nicht rein genug und meine kurze Anwesenheit in seiner Sangha führte die notwendigen Reinigungsprozesse herbei. Er wurde in den USA verhaftet und nach Indien abgeschoben, dort starb er dann sehr bald. Sein Werk war getan.”

Wenn ich mir diesen Text vor Augen führe, bemerke ich doch eine Art Sarkasmus, der mich abstösst. Obwohl ich mich heute sicher nicht als Freund der Baghwanbewegung bezeichnen möchte, hat es mich dennoch geschmerzt, dass es in Bhagwans Leben seit der beschriebenen Zeit und dann besonders in Rajneeshpuram in Oregon gesundheitlich rapide bergab ging, obwohl er das bei den Drive By’s nicht zeigte. Es hat mich vor allem geschmerzt, dass Baghwan von seiner Vertrauten Sheela aufs Böseste hintergangen wurde, was so weit führte, die ihm verhasste amerikanische Polizei zu informieren.

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